Die Kapitelle im und am Göllinger Klosterturm sind faszinierende und äußerst wertvolle Kunstwerke aus dem 12. Jahrhundert. Sie sind rund 850 Jahre alt und haben sich durch glückliche Umstände mehr oder weniger gut erhalten. Das schönste und am besten erhaltene Kapitell befindet sich an der südwestlichen Mittelsäule der Krypta. An diesem Kapitell sind die Oberflächen der vier Seiten mit sich überlagernden Halbkreisen geschmückt, die mit an pflanzlichen Formen erinnernde Ornamenten, sogenannten Palmetten, gefüllt sind. Diese Kombination aus klar gegliederter Form und Palmettenverzierung ist typisch für die Mitte des 12. Jahrhunderts. Hier überlagern sich zwei Einflüsse aus unterschiedlichen Traditionen: die bewusst schlichte Grundform des Kapitells der benediktinischen Reformklöster ab Ende des 11. Jahrhunderts mit der ab etwa 1150 aufkommenden Schmuckfreude, die sich an italienischen und französischen Vorbildern orientiert.
Gesellschaft der Freunde der Klosterruine Sankt Wigbert Göllingen e. V.
Der Turm
Der Göllinger Klosterturm ist ein herausragendes Beispiel mittelalterlicher Baukunst. So erhalten, wie er vor 850 Jahren gebaut wurde, zeigt er uns ein realistisches Bild von der Zeit Kaiser Barbarossas und der Thüringer Landgrafen. Hier wollen wir nach und nach von den Besonderheiten und Geheimnissen des Turms sowie vom geschichtlichen Hintergrund des Turmbaus zu Göllingen erzählen.
Wer den Klosterturm aufmerksam betrachtet, dem fällt vielleicht auf, dass die Bogenfriese des quadratischen Turmuntergeschosses nicht ganz regelmäßig gestaltet sind. Auf der Nordseite ist einer der kleinen Bögen und auf der Westseite sind zwei Bögen der Bogenfriese mit einer kleinen Ausbuchtung nach oben, einem Bogen auf dem Bogen, versehen. So entsteht eine gestalterische Variation, die erst mit der Gotik, etwa 80 Jahre später bei Bogenfriesen allgemein Verwendung fand. Am Göllinger Klosterturm wirkt es so, als ob die ausführenden Bauleute etwas ausprobieren wollten oder ein ursprünglich geplantes Konzept der verfeinerten Gestaltung - vielleicht aus Termingründen - nicht fortgeführt haben. Zur Zeit der Romanik gibt es zahlreiche Varianten der weit verbreiteten Bogenfriese. In Deutschland gibt es aus der Zeit der Romanik nur ganz wenige Beispiele für diese Gestaltung eines Bogenfrieses. Erstaunlicherweise ist ein Bogenfries an der St.-Petri-Kirche in Soest genauso wie in Göllingen nur mit einigen wenigen erweiterten Bögen ausgestattet. Diese Kirche wurde in den 1150er Jahren erbaut. Soest liegt in Westfalen am Hellweg. Der Hellweg war im Mittelalter, die wichtigste Straßenverbindung vom Rheinland mit der Metropole Köln nach Osten - sowohl für Bauhandwerke, die Techniken und Formen weiterverbreiteten, wie für den Kaiser auf seinen Reisen von Pfalz zu Pfalz.
Hier ist es ein kleines Details, das es uns ermöglicht das Bauwerk besser zu verstehen. Durch diese kleine Auffälligkeit in der Gestaltung des Bogenfrieses können wir den Klosterturm mit anderen Bauten in Verbindung bringen, seine Entstehungszeit besser eingrenzen und sehen, wie sich im 12. Jahrhundert Gestaltungsvarianten durch wandernde Bauleute verbreitet haben.
Das Feld unter dem Bogen einer Türöffnung wird in der Architektur als Tympanon bezeichnet. Tympanon kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet eigentlich Trommel oder runde Scheibe. Ein Tympanon wurde im Mittelalter an bedeutenden Gebäuden, besonders Kirchen oft mit Figuren oder Ornamenten, gemalt oder als Relief geschmückt. Damit sollte der Eingang unter dem Bogen als Zugang zu einem besonderen Raum gekennzeichnet und herausgehoben werden.
Am Klosterturm in Göllingen haben beide Eingänge zur Krypta ein Tympanon. Leider sind diese aus wenig beständigem Buntsandstein gefertigt, sodass im Lauf der Jahrhunderte der Schmuck des Tympanons über dem linken Eingang völlig verschwunden und der über dem rechten Eingang nur noch schemenhaft erkennbar ist.
Wenn man vor dem Eingang zu den Obergeschossen des Klosterturms steht und dann links am Emporenvorbau um die Ecke geht, kann man sehen, dass sich dort die kleinen Bögen, die sich als sogenannter Bogenfries über dem Eingang befinden, auch dort an der Seite fortsetzen. Einer dieser kleinen Bögen zeigt eine Besonderheit, die ihn von allen anderen Bögen unterscheidet: er ist an den Bogenenden mit kleinen Kringeln versehen. Warum die Steinmetze im 12. Jahrhundert diesen Bogen zusätzlich verziert haben, ist nicht zu erkennen. Darüber nachzudenken ist jedoch eine spannende Angelegenheit und bringt uns die Baugeschichte des Klosterturms näher.