Gesellschaft der Freunde der Klosterruine Sankt Wigbert Göllingen e. V.
Ein Bogen mit Kringeln
Wenn man vor dem Eingang zu den Obergeschossen des Klosterturms steht und dann links am Emporenvorbau um die Ecke geht, kann man sehen, dass sich dort die kleinen Bögen, die sich als sogenannter Bogenfries über dem Eingang befinden, auch dort an der Seite fortsetzen. Einer dieser kleinen Bögen zeigt eine Besonderheit, die ihn von allen anderen Bögen unterscheidet: er ist an den Bogenenden mit kleinen Kringeln versehen. Warum die Steinmetze im 12. Jahrhundert diesen Bogen zusätzlich verziert haben, ist nicht zu erkennen. Darüber nachzudenken ist jedoch eine spannende Angelegenheit und bringt uns die Baugeschichte des Klosterturms näher.
Die Bogenfriese romanischer Kirchen sehen auf den ersten Blick alle ziemlich ähnlich aus. Wenn man genau hinschaut, unterscheiden sie sich jedoch in ihrer Gestaltung und lassen so Rückschlüsse auf Vorbilder und Entstehungszeit zu. Interessant ist, dass das Grundschema des Bogenfrieses am Emporenvorbau des Klosterturms genau einem Vorbild nachgebildet ist. Dieses Vorbild sind die Bogenfriese der Peterskirche in Erfurt. Dort wie in Göllingen sind die kleinen Bögen doppelt übereinandergelegt und ihre Enden ruhen auf kleinen Stützen die unten eine kleine Rolle tragen. In Göllingen können wir, wenn wir ganz genau hinschauen, sehen, dass die Bögen mit einer kleinen waagrechten Kerbe oberhalb des stützenden Röllchens versehen sind. Diese Kerbe scheint zur Gestaltung und Gliederung angebracht worden zu sein. Beim Vorbild in Erfurt finden wir diese kleine senkrechte Kerbe ebenfalls, allerdings ist sie hier Folge der angewendeten Bautechnik, bei der gleichhohe Schichten von Steinquadern die Außenmauern bilden. Dadurch sind die stützenden Röllchen der Bögen mit ihrer Unterlage Teil einer Steinschicht und die Bögen gehören zur Steinschicht darüber. Da heißt die Kerbe ist hier nicht einfach eine Kerbe, sondern eine Fuge zwischen zwei Steinlagen. Dies belegt, dass der Göllinger Steinmetz versucht hat, das Erscheinungsbild des Erfurter Bogenfrieses möglichst genau wiederzugeben.
Doch wo kommen nun die Kringel an dem einen Bogen des Bogenfrieses in Göllingen her? Solche Kringel finden sich an den Bogenfriesen der imposanten Ruine der Klosterkirche in Paulinzella. Die Bogenfriese dort folgen grundsätzlich auch dem Schema, das wir von der Erfurter Peterskirche kennen: übereinandergelegte kleine Bögen, die sich auf Rollen abstützen. Dort sind aber keine waagrechten Kerben und auch keine Aufteilung des Bogenfrieses zwischen zwei Steinschichten mit Fuge zu finden. Sowohl die Erfurter Peterskirche wie die Klosterkirche in Paulinzella sind einige Jahre älter als der Göllinger Klosterturm. Die Peterskirche wurde im Wesentlichen in den Jahren 1127 bis 1143 gebaut, die Klosterkirche in Paulinzella in den Jahren 1105/6 bis 1124 mit Erweiterung durch eine Vorkirche bis 1160. Der Klosterturm in Göllingen ist zwischen 1160 und 1170 entstanden.
Wir können also schlussfolgern, dass die Göllinger Steinmetze, die Bauten in Erfurt und Paulinzella kannten, womöglich daran beteiligt waren und die Art der Bogenfriesgestaltung mitgebracht haben. Schön ist die Vorstellung, dass die überwiegend dem Erfurter Vorbild folgenden Bauleute einen unter sich hatten, der auch Paulinzella kannte und einmal zeigen wollte, wie dort die die Bogenfriese aussehen - was ihm zumindest annäherungsweise gelungen ist.
Auch wenn der Bogen mit Kringeln offensichtlich in Göllingen kein Gefallen gefunden hat, hat er sich dennoch von Paulinzella aus weiterverbreitet und kann ein paar Kilometer weiter in Münchenlohra an der dortigen Pfeilerbasilika (erbaut etwa 1170 bis 1180) oder in Hildesheim an der Godehardsbasilika (erbaut von 133 bis 1172) und an weiteren romanischen Kirchen entdeckt werden.
Der Bogenfries am Emporenvorbau und der Kringelbogen sind wichtige Details, die uns helfen herauszufinden, wann der Klosterturm gebaut worden ist.