Gesellschaft der Freunde der Klosterruine Sankt Wigbert Göllingen e. V.
Das Kreuz des Kaisers
Das Feld unter dem Bogen einer Türöffnung wird in der Architektur als Tympanon bezeichnet. Tympanon kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet eigentlich Trommel oder runde Scheibe. Ein Tympanon wurde im Mittelalter an bedeutenden Gebäuden, besonders Kirchen oft mit Figuren oder Ornamenten, gemalt oder als Relief geschmückt. Damit sollte der Eingang unter dem Bogen als Zugang zu einem besonderen Raum gekennzeichnet und herausgehoben werden.
Am Klosterturm in Göllingen haben beide Eingänge zur Krypta ein Tympanon. Leider sind diese aus wenig beständigem Buntsandstein gefertigt, sodass im Lauf der Jahrhunderte der Schmuck des Tympanons über dem linken Eingang völlig verschwunden und der über dem rechten Eingang nur noch schemenhaft erkennbar ist.
Über der rechten Tür zur Krypta ist im Bogenfeld der Umriss eines Kreuzes zu erkennen. Entweder ist dieses Kreuz ursprünglich in den Stein gemeißelt worden oder ein gemaltes Kreuz hat den Sandstein unter der Bemalung widerstandsfähiger gemacht. Dieses Kreuz macht in seinem gegenwärtigen, stark verwitterten Zustand nicht besonders viel her. Wir müssen es uns aber als ursprünglich, kunstvoll angefertigten Schmuck des Kryptaeingangs vorstellen. Es war mit weiteren Ornamenten verziert und vielleicht sogar vergoldet. Dieses Kreuz gibt uns einen wertvollen Hinweis zum Verständnis des Göllinger Klosterturms.
Diesen Hinweis liefert uns die besondere Form des Kreuzes. Die Kreuzarme tragen an ihren Enden quadratische Platten. Damit entspricht die Form der des Reichskreuzes, einem Teil der sogenannten Reichsinsignien oder Reichskleinodien, die zusammen mit der Reichskrone die Macht der mittelalterlichen Könige und Kaiser im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation symbolisierten. Zur Zeit des Göllinger Turmbaus war Friedrich Barbarossa Kaiser im Reich. Das Kreuz über dem Kryptaeingang stellt also mit hoher Wahrscheinlichkeit eine direkte Beziehung zu Kaiser Barbarossa her. Das passt gut zur herrschaftlichen und anspruchsvollen Architektur. Es ist also möglich, dass Barbarossa selbst den Bau des außergewöhnlichen Turms veranlasst hat, um seinen Machtanspruch im Norden Thüringens in den politischen Konflikten der damaligen Zeit deutlich zu machen.
Leider haben sich von den vielen Bauwerke erhalten, die im Auftrag von Kaiser Barbarossa gebaut wurden, nur sehr wenige erhalten. Die meisten sind im Laufe der Jahrhundert verschwunden oder nur noch als Ruinen vorhanden. An diesen Ruinen gibt es leider keine weiteren Beispiele für ein Reichskreuz als Zeichen der kaiserlichen Macht. Es gibt aber ein weiteres Bauwerk aus der Zeit Barbarossas, an dem sich das Reichskreuz in einem Tympanon erhalten hat. Es schmückt die Stadtkirche St. Michael in Schwäbisch Hall. Dieses Tympanon ist ausgezeichnet erhalten und gibt uns eine Vorstellung, wie das Göllinger Tympanon ausgesehen haben könnte. Schwäbisch Hall war im 12. Jahrhundert ein wichtiger Stützpunkt der Familie des Kaisers, der Staufer. Der damalige Kirchenbau geht direkt auf die staufischen Herren der Stadt und damit auch auf den Kaiser zurück. Genau wie in Göllingen, ist ein Aufenthalt Barbarossas in Schwäbisch Hall nicht überliefert, aber sehr wahrscheinlich.